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Geschichte
Heimweh
spielt in: Phaeton
geschrieben von:

Sie verläßt das Schiff und betritt mit den anderen Fahrgästen - ihren Klassenkameraden, alles Menschen in ihrem Alter, und alle von dem selben gottverlassenen Planeten am Rande des Universums, denkt sie - einen Fahrstuhl, der sie in einen schmucklosen, von unwirtlichem Neonlicht erhellten Korridor bringt. Der Korridor scheint sich in die Unendlichkeit fortzuziehen, und so kommt sie noch einmal ins grübeln. Noch nie zuvor hatte sie ihren Heimatplaneten verlassen, jenen Planeten am Rande des Sughra-Sektors, der von rund 2000 Menschen bewohnt wird. Die Galaxis kannte sie bisher nur aus den Medien. Doch das wird sich auf dieser Klassenfahrt wohl ändern, denkt sie.

Am Ende des Korridors kann sie eine Tür erkennen, die ins Land ihrer Träume herausführen würde. Praktisch seit sie denken kann, will sie nur noch weg von ihrem Heimatplaneten, um alle Geheimnisse der Galaxis zu erkunden - wirklich alle. Und nun ist sie so nah dran. Nur noch zehn Meter blanken Stahlkorridors trennen sie von der Unendlichkeit, die sie erwartet. Sie stürmt nach vorn; sie will um jeden Preis der erste sein, der aus dieser Tür hinaustritt. Als sie sich der Tür nähert, öffnet sich selbige ohne ein Geräusch. Sie tritt hinaus.

Die Sonne steht hoch am Himmel, als das Mädchen die Haupthalle des Raumhafens von Sughra II betritt. Die Sonnenstrahlen dringen durch das durchsichtige Dach bis in die letzte Ecke der Halle, die sich über den ganzen Horizont zu erstrecken scheint. Sie steht auf einer Plattform etwa hundert Meter über dem Boden; ihr wird schwindlig, als sie dort hinuntersieht. Die Halle ist von Gebäuden verschiedenster Baustile durchsetzt; Gebäude, die noch hundertmal bizarrer sind als sie es sich jemals in ihren Träumen vorgestellt hat oder im Fernsehen sehen konnte. Hinter sich hört sie ihren Lehrer sagen: "Alle hierher, damit ich euch zählen kann!" Doch sie schenkt ihm keine Beachtung, während sie den Lift betritt und schließlich nach unten fährt. Ein komisches Gefühl, denkt sie, als diese ihr völlig fremdartige Welt langsam immer näher zu kommen scheint, während sie sich nach unten bewegt. Noch zehn Meter bis zur Erde, und so langsam kann sie sie erkennen, die verschiedenen Spezies, die sie alle noch nie in der Realität gesehen hat.

Da, dieses humanoide Wesen ohne Haare mit der blaugrauen Haut und dem komischen, amphibisch anmutenden Gesicht muß wohl ein Raccequa sein.

Und dieses untersetzte Wesen mit dem Stummeln an den Armansätzen und dem - Schnabel ? - im Gesicht muß wohl ein Glotschie sein. Sie ist so fasziniert von dieser Welt, dass sie gar nicht merkt, dass sie den Aufzug gerade verlassen hat. Während sie einem an ihr vorbeieilendem Wesen - es sah aus wie ein aufrechtgehendes Nagetier - hintersieht, wird sie angerempelt. Sie wirbelt herum und sieht zwei böse Augen, die sie über einer Schnauze, umrandet von dunkelgrauem Fell böse anstarren. Das Wesen starrt sie kurz an, sagt dann in einem etwas grantigem, sehr tiefen Tonfall "Wuuk!" und geht schließlich weiter.

Sie schließt ihre Augen, weil sie das Gefühl hat, dass dieser Sinn völlig überlastet ist, und sie keine weiteren Bilder mehr vertragen kann. Erst jetzt fallen ihr die vielen fremdartigen Geräusche auf, sowohl mechanischer, elektronischer als auch biologischer Natur. Geräusche von Maschinen, deren Zweck sie nicht einmal erraten könnte, und Stimmen von Wesen, die so fremdartig klingen, als dass sie denkt, sie befindet sich in einer anderen Welt. Vielleicht tu ich das ja auch, denkt sie sich trocken. Auch die Gerüche, die ihr in die Nase steigen, sind absolut unvertraut; der eine dominierende Geruch ist jedoch so angenehm, die sie plötzlich feststellt, dass sie sehr großen Hunger hat.

Sie öffnet ihre Augen wieder und folgt ihrer Nase. Sie geht an riesigen Glaspalästen, die Hotels und Geschäfte beinhalten, vorbei und kommt schließlich zu einem heimelig anmutenden Gebäude aus Holz. Gut, wenigstens die Schrift hier kann ich lesen, dachte sie, als sie über die Tür schaute. In Unika stand dort geschrieben: "Braquas Köstlichkeiten - raccequische Spezialitäten". Ohne zu zögern öffnet sie die Tür und betritt das Lokal. Es ist gut gefüllt; eine Menge Reisender scheint hier gerade ihr Frühstück einzunehmen. Der schwere Geruch von Tekla liegt in der Luft. Ohne zu zögern setzt sie sich an einen Tisch und sieht sich um. Viele Spezies sind hier vertreten - doch mittlerweile scheint sie sich an die fremdartigen Anblicke gewöhnt zu haben, sie schreckt nicht mehr vor jedem Wesen, welches sie anschaut, zurück. Nach einer Minute kommt ein Raccequa an ihren Tisch und setzt sein bestes Lächeln auf. Als sie seine Zahnreihen sehen kann, schreckt sie zurück und versinkt in ihrem Stuhl. Als der Raccequa realisiert, dass er ihr Angst einflößt, schließt er den Mund wieder und fragt in seiner fast gluckernden Sprache: "Was kann ich dir denn bringen?" Raccequa lernte sie in der Schule, doch in Wirklichkeit klang es doch anders als auf den Videos. "Bringen sie mir einfach irgendwas! Hauptsache kein menschliches Essen!" antwortet sie in Humani. Der Kellner grinst kurz, was sie zusammenzucken lässt, nickt dann und verlässt den Tisch. Sie fühlt sich gut. Sie hat es endlich geschafft. Sie hat ihren Heimatplaneten verlassen und auch nicht vor, ihn jemals wieder zu betreten, viel zu faszinierend war dafür diese neue Welt, die sie heute für sich entdeckt hat.

Drei Minuten später brachte ihr der Kellner ihr Essen. "Was ist das?" "Das ist ein raccequischer Fischburger, mit der Spezialsoße von unserem Koch!" Er zwinkert ihr zu und verlässt den Tisch wieder.

Sie betrachtet den Burger von alle Seiten. Nun gut, Brötchen kennt sie auch von zu Hause, aber was da zwischen diesen Hälften liegt, sieht doch schon arg seltsam aus, denkt sie. Sie nahm den Burger schließlich zwischen ihre Hände und biß zu.

Als sie den raccequischen Fischburger auf ihrer Zunge schmeckte, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein ihr bis dahin völlig unbekanntes Gefühl - Heimweh.